Das Risiko, an Krebs zu erkranken, lässt sich massiv senken,
sagt Rudolf Kaaks vom Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg. Ein Interview über den Zusammen von Ernährung und Gesundheit
BZ: Herr Professor Kaaks, haben Sie heute Morgen schon auf der Waage gestanden?
Kaaks: Nein, das hätte ich aber vielleicht tun sollen. Aber Moment, das ist eine gefährliche Frage.
BZ: Wieso gefährlich, wie hoch ist denn Ihr Gewicht nach dem Winter?
Kaaks: (Lacht) Ob ich das in der Öffentlichkeit sagen soll? Um die 80 Kilogramm, das ist relativ stabil.
BZ: Warum ist denn das Gewicht für einen Krebsforscher so wichtig?
Kaaks: Wenn man über den Zusammenhang von Krebs und Ernährung spricht, dann ist eine der am besten belegten Beziehungen die zwischen Übergewicht und Anstieg der Krebserkrankungen. Meine erste Empfehlung aufgrund der guten Datenlage der vergangenen 15 Jahre lautet, dass man Übergewicht vermeiden sollte.
BZ: Warum führt Übergewicht zu höheren Krebsraten?
Kaaks: Das hat unter anderem damit zu tun, dass sich mit einem Speckbauch und den anderen Fettdepots im Körper der Hormonspiegel ändert. So haben übergewichtige Frauen einen höheren Östrogenspiegel, der das Wachstum von Tumoren in der Brust oder der Gebärmutter fördern kann. Ganz wichtig ist der Einfluss auf den Insulinspiegel, der bei Übergewichtigen oft viel zu hoch ist. Zudem kommt es zu einem Anstieg von Entzündungsfaktoren. All das schädigt den Körper und steigert das Tumorwachstum.
BZ: Welchen Gefahren setzen sich Fettleibige aus?
Kaaks: Für Männer und Frauen gemeinsam sieht man häufiger Darmkrebs, vor allem im oberen Dickdarm, Nierenzellkarzinome und Speiseröhrenkrebs. Letzterer ist vor allem durch aufsteigende Magensäure bedingt, Reflux genannt, was bei Übergewichtigen häufiger vorkommt. Bei Männern steht auch der Prostatakrebs im Vordergrund. Hier muss man unterscheiden zwischen den aggressiven Formen und den sehr langsam wachsenden Tumoren. Sehr viele Männer im höheren Alter haben versteckt Tumore, die aber nie auffällig würden. Bei Übergewichtigen ist das Risiko für die aggressiven Formen deutlich erhöht.
BZ: Da stellt sich natürlich die Frage: Wie werde ich schlank?
Kaaks: Das ist eine kaum zu beantwortende Frage. Gewicht wieder zu verlieren und dauerhaft schlank zu bleiben, ist extrem schwer. Das gelingt leider nur wenigen. Es muss deshalb vor allem darum gehen, Übergewicht überhaupt nicht erst zu entwickeln. Vorbeugen ist das Wichtigste, das ist ein lebenslanger Prozess.
BZ: Wie erreichen die Menschen das in einer von Übergewicht geprägten Gesellschaft?
Kaaks: Wichtig ist, dass wir durch Bewegung genügend Energie verbrennen. Und man sollte kontrolliert, also nicht so viel essen.
BZ: Jahrzehntelang wurde uns erzählt, esst Vitamine – die fangen die bösen Radikale weg – und sekundäre Pflanzenstoffe, dann bleibt ihr gesund. Stimmt das?
Kaaks: Diese schönen Theorien sind aus der Wahrnehmung entstanden, dass Menschen mit hohem Obst- und Gemüseverzehr gesünder seien. Für mich als Krebsforscher ist wichtig, ob sich das epidemiologisch sauber belegen lässt. Vor zehn Jahren sah es noch so aus, als ob ein großer Verzehr von Obst und Gemüse das Risiko für einige Krebsarten um bis zu 50 Prozent senken kann. Diese Daten waren dadurch entstanden, dass man erkrankte Gruppen mit gesunden Kontrollgruppen verglichen hatte. Diese Studien waren stets retrospektiv, schauten also in die Vergangenheit. Inzwischen haben wir das anders gemacht. Große Gruppen mit rund 500 000 Menschen wurden für die europäische Epic-Studie gebildet. Sie wurden nach Ernährungsverhalten eingeteilt. Seitdem wird beobachtet, bei wem sich ein Krebs entwickelt. Und da konnte dieser Zusammenhang kaum nachgewiesen werden. Die fünf Portionen Obst und Gemüse waren im Bezug auf Krebs leider ein Hype, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sieht es allerdings positiver aus.
BZ: Knabbern wir Rohkost, und es bringt fast gar nichts?
Kaaks: Nein, man muss das jetzt nicht umdrehen. Es ist eher so, dass Menschen, die viel Gemüse essen, per se schlanker sind und das ist der entscheidende Effekt. Es gibt nicht viele Belege dafür, dass die Pflanzenstoffe einen Schutz vor Krebs erzeugen. Und künstliche Vitamine erhöhen in bestimmten Fällen sogar die Krebsgefahr.
BZ: Vor allem in den USA werden extrem hoch dosierte Vitaminpräparate in großen Mengen verkauft und auch eingenommen. Bringen sich die Amerikaner in Lebensgefahr?
Kaaks: Wir haben in unserer Heidelberger Epic-Studie zwei Papiere veröffentlicht, die ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt für Nutzer von Vitaminpräparaten zeigen. Die Frage ist natürlich, sind es die Präparate selbst oder nehmen ungesund lebende Menschen häufiger Vitaminpillen. Das ist schwierig zu interpretieren. Ganz eindeutig ist aber, dass Vitaminpräparate keine positive Wirkung zeigen.
BZ: Seit 1994 läuft die europäische Studie “Gesundheit, Ernährung, Krebs”, an der Sie mitarbeiten. Welche ersten Schlüsse können Sie ziehen?
Kaaks: Hauptauslöser für Krebs sind ganz eindeutig Rauchen und Übergewicht. Der Mangel an körperlicher Aktivität gehört auch dazu. Und bestimmte Krebsarten werden durch zu hohen Alkoholkonsum befördert. Hinzu kommen Nahrungsmittel, die entweder gute oder schlechte Auswirkungen haben können. Das ist statistisch teilweise schwer herauszufiltern, weil bestimmte Menschen ein insgesamt gesundes oder ungesundes Verhalten zeigen.
BZ: Wie sieht es denn beim roten Fleisch aus?
Kaaks: Der Verzehr hängt scheinbar mit einem Anstieg von Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmten Krebsarten zusammen. Aber Menschen, die gerne rotes Fleisch essen, sind zugleich häufiger übergewichtig und rauchen öfter. Das sind, wie man heute sagt, oft Menschen aus bildungsfernen Schichten. Es kann also sein, dass nicht das rote Fleisch selbst, sondern das Gesamtverhalten der entscheidende Risikofaktor ist.
BZ: Wir hatten in den 50er-Jahren viele Atomwaffentests in der Atmosphäre, die Chemieindustrie und Heizungsanlagen haben mit großen Mengen Gift die Atmosphäre verpestet. Unsere Nahrung wird mit Chemikalien behandelt. Welchen Einfluss haben diese Faktoren auf die Entstehung von Krebs?
Kaaks: Das ist statistisch kaum zu erfassen. Die Atombombenversuche hätten die Krebsraten weltweit beeinflussen müssen. Seit den 60er-Jahren wissen wir, dass die Krebsarten weltweit enorm variieren. Es gibt beispielsweise Länder, in denen Darmkrebs eine Seltenheit ist. Aus Studien mit Migranten aus Niedrigkrebsgebieten weiß man, dass sie sich innerhalb von ein bis zwei Generationen in ihrem Krebsrisiko dem neuen Wohnort angleichen. Das Krebsrisiko hat also viel mit dem Lebensstil zu tun.
BZ: Was tun Sie selbst, um gesund zu bleiben?
Kaaks: Ich rauche nicht, ich versuche schlank zu bleiben und möchte mich jetzt im Frühling wieder mehr bewegen. Und beim Alkohol muss man aufpassen. Ein bis zwei Gläser Rotwein am Tag schützen offenbar vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mehr darf es nicht sein, dann überwiegen die Risiken. Mäßigung in allem, das ist das Stichwort.
war eine zwischen 1992 bis 2000 durchgeführte Untersuchung, um die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Krebs zu ergründen. Insgesamt 519 000 Teilnehmer wurden zunächst in 23 Zentren in zehn europäischen Ländern befragt und um Auskunft über ihre Lebensgewohnheiten gebeten. Im Anschluss wurden im Schnitt zehn Jahre lang Blut- und medizinische Untersuchungsergebnisse der Probanden gesammelt und deren gesundheitliche Entwicklung der beobachtet.
Die meisten Teilnehmer der Studie waren Männer zwischen 40 und 65 Jahren und Frauen zwischen 35 und 65 Jahren. In Deutschland waren in den beiden Epic-Studienzentren in Potsdam und Heidelberg insgesamt 53 000 Personen an der Studie beteiligt. Das Ergebnis der sehr hochwertigen und gründlichen Arbeit überraschte viele Wissenschaftler: “Es wird allgemein angenommen, dass man Krebs durch eine hohe Aufnahme von Obst und Gemüse vorbeugen kann. Leider haben die uneinheitlichen Ergebnisse vieler Studien es nicht erlaubt, eine solche Beziehung zwischen dem Obst- und Gemüsekonsum und dem allgemeinen Krebsrisiko zu etablieren”, beginnen die Epic-Forscher ihren Artikel im Fachmagazin Journal of the National Cancer Institute.
Quelle: Badische Zeitung 21.05.2013
Rauchen schadet Frauen mehr als Männern.
Wenn sie an Lungenkrebs oder anderen Atemwegstumoren erkranken, verlieren sie deutlich mehr Lebensjahre als Männer, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) in Wiesbaden am Weltnichtrauchertag berichtete.
Während Männer im Durchschnitt 2,9 Jahre früher starben, verkürzte sich das Leben von Frauen im Durchschnitt um 10,5 Jahre.
13 815 Frauen wurden laut Destatis im Jahr 2010 Opfer von Krebsarten, «die in einen engen Zusammenhang mit dem Konsum von Tabakprodukten gebracht werden können». Das sind 36 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums sind rund 90 Prozent aller Menschen, die an Lungenkrebs sterben, Raucher.
Frauen sterben nicht nur früher an rauchertypischen Krebsarten – sie sterben auch häufiger daran. Unter den Todesopfern durch Lungen-, Bronchial-, Speise- oder Luftröhrenkrebs hat sich der Frauenanteil deutlich erhöht: 2010 waren 31 Prozent der insgesamt 44 457 Opfer Frauen, 2001 betrug der Frauenanteil bei 40 053 Gestorbenen 25 Prozent, wie die Statistiker herausfanden.
Der Grund: Männer haben in den letzten Jahren häufiger das Rauchen aufgegeben, dafür haben mehr Frauen damit angefangen. «Die Quittung bekommen wir jetzt», sagte der Leiterin der Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum, Martina Pötschke-Langer. «Wir haben einen erfreulichen Rückgang des Bronchialkarzinoms bei Männern, aber einen dramatischen Anstieg der Todesfälle bei Frauen.» Wenn sich die Entwicklung so fortsetze, «dann wird der Lungenkrebs bei Frauen bald den Brustkrebs als Todesursache Nummer Eins bei den Tumoren ablösen.»
Wieso sich Frauen mit dem Rauchen mehr schaden als Männer, ist nicht bekannt. «Darüber gibt es keine wissenschaftliche Untersuchung», sagte der Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft, Johannes Bruns, der dpa. Möglicherweise könnten hormonelle Schwankungen und der weibliche Zyklus eine Ursache sein. Epidemiologisch sei jedenfalls glasklar bewiesen, dass Frauen weniger widerstandsfähig sind gegenüber krebserzeugenden Stoffen als Männer. «Frauen sollten daraus ihre Schlüsse ziehen», rät Bruns.
Aus Kostengründen steigen unterdessen immer mehr Raucher auf Selbstgedrehte um. 2011 wurden in Deutschland täglich 74 Tonnen Feinschnitt konsumiert, 2002 waren es 42 Tonnen. Der Konsum von fertigen Zigaretten ging zurück: von 398 Millionen Stück täglich im Jahr 2002 auf 240 Millionen im Jahr 2011. Teuere Zigarren und Zigarillos werden ebenfalls häufiger gekauft: 2002 gingen acht Millionen Stück am Tag in Flammen auf, 2011 zwölf Millionen.
Seit der Wiedervereinigung wurden in Deutschland in keinem Jahr mehr Zigarren, Feinschnitt und Pfeifentabak produziert als 2011. Insgesamt wurden 220 Milliarden Zigaretten, 2,4 Milliarden Stumpen und Zigarillos, 532 Millionen Zigarren, 42 800 Tonnen Feinschnitt und 1100 Tonnen Pfeifentabak produziert.
Quelle: Zeit Online
